Ein Blick aus dem Rettungswagen auf den Gesetzentwurf zur Reform des Rettungsdienstes

Die Notfallversorgung in Deutschland ist am Limit. Notaufnahmen quellen über, der Rettungsdienst (112) fährt Einsätze, die keine sind, und die Politik reagiert mit einem umfassenden Reformvorschlag. Das zentrale Element dieser Reform: Die 116117, der ärztliche Bereitschaftsdienst, soll zur zentralen Lotsenstelle ausgebaut werden, die Hilfesuchende in die passende Versorgungsebene steuert.

Das Ziel ist nobel, doch die Realität, die wir im Rettungsdienst erleben, zeigt: Bevor die 116117 zum Heilsbringer wird, muss sie ihre fundamentalen Unzulänglichkeiten beheben.

Die 116117 soll Patienten mit dringenden, aber nicht lebensbedrohlichen Beschwerden versorgen (z. B. hohes Fieber am Wochenende). Das soll die Notaufnahme und die 112 entlasten.

Doch wer von uns im Rettungsdienst Patientinnen und Patienten befragt, hört oft eine andere Geschichte:

„Ich habe zuerst die 116117 angerufen, weil ich dachte, es sei kein Notfall. Dort wurde ich nach kurzer Befragung ohne ärztliche Konsultation direkt an die 112 verwiesen.“

Diese vorschnelle Abwälzung auf den Rettungsdienst ist ein Ausdruck von Risikovermeidung oder dem Fehlen einer adäquaten eigenen, mobilen Struktur. Die 116117 erfüllt so ihre Lotsenfunktion nicht, sondern wird zum „Pre-Triage-Filter“, der Risikofälle an das nächstverfügbare Akutsystem delegiert – und damit das Kernproblem der Überlastung nur verstärkt.

Der Gesetzentwurf sieht die enge Verzahnung von 116117 und Rettungsstellen in sogenannten Integrierten Notfallzentren (INZ) vor. Unsere lokalen Erfahrungen zeigen, dass diese Nähe ohne klare Abgrenzung zum aktiven Zulieferer von Notfallpatienten werden kann.

Dort, wo der ärztliche Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) direkt in die Räumlichkeiten der Klinikums-Notaufnahme (NFA) integriert ist, verschwimmen die Grenzen zum Nachteil des Notfallsystems:

  • Das schmerzende Handgelenk: Statt Patient*innen mit nicht-akuten Verletzungen auf eine ambulante Röntgenuntersuchung am nächsten Werktag zu verweisen, schleust der KV-Arzt sie direkt zur Röntgen-Diagnostik in die Notaufnahme ein. Die NFA wird so zur bequemen, aber teuren und zeitintensiven Service-Stelle für den Bereitschaftsdienst.
  • Mangelnde Infrastruktur: Die strukturelle Unterausstattung des KV-Dienstes ist alarmierend. Es kommt vor, dass für eine dringend indizierte EKG-Kontrolle bei einem Patienten das EKG-Gerät leihweise aus der Notaufnahme geholt werden muss, weil der Bereitschaftsdienst kein eigenes vorhält.

Ein Bereitschaftsdienst, der sich EKG-Geräte aus der Notaufnahme leihen muss, ist nicht autonom handlungsfähig. Er ist strukturell nicht darauf ausgelegt, die Notfallkette nachhaltig zu entlasten.

Die Reform verlangt der 116117 weitreichende neue Aufgaben ab:

  1. 24/7-Verfügbarkeit und einen verpflichtenden aufsuchenden Dienst (Hausbesuche).
  2. Ein bundesweit einheitliches und verpflichtendes Ersteinschätzungsverfahren.
  3. Der Ausbau zu einer vollwertigen, digital vernetzten Akutleitstelle.

Das Problem: Das Gesetz schafft neue Strukturen, aber kein neues Personal.

Die Kassenärztlichen Vereinigungen äußern zurecht Bedenken, dass der 24/7-Dienst und die aufwendigen Leitstellen-Funktionen personell nicht zu besetzen sind. Ohne eine signifikante Aufstockung und eine attraktive Vergütung für Ärzte und speziell geschultes Gesundheitsfachpersonal droht die 116117 in dieselbe Überlastung zu geraten, aus der die 112 und die Notaufnahmen entlastet werden sollen.

Die geplante Reform ist in ihrer Absicht richtig: Sie erkennt die 116117 als zentrales Steuerungselement an. Die Vernetzung mit der 112 ist lange überfällig. Doch der Erfolg hängt nicht an der Architektur des Gesetzes, sondern an der Qualität der Umsetzung.

Solange der Bereitschaftsdienst:

  • Seine Lotsenfunktion aus Unsicherheit nicht wahrnimmt,
  • die Notaufnahme aufgrund mangelnder eigener Infrastruktur aktiv als bequemen Service nutzt,
  • und die neuen, massiven Aufgaben ohne ausreichend Personal übernehmen soll…

…wird die Notfallreform lediglich das Problem der Überlastung von einem System aufs nächste verlagern. Wir brauchen nicht nur eine Gesetzesänderung, sondern eine Kulturveränderung und die finanzielle Stärkung der KV-Struktur, damit diese wirklich entlasten kann.

Auf die anderen Punkte dem Gesetzesentwurf zur Reform der Notfallversorgung, welcher nun in die Ressortabstimmung gebracht wurde, kommen wir vielleicht ein anderes Mal zu sprechen :).


Wie sind deine eigenen Erfahrungen mit der Erreichbarkeit und der Weiterleitung durch die 116117? Welche Maßnahmen hältst du für am wichtigsten, um den Rettungsdienst nachhaltig zu entlasten?

Diskutiere mit uns in den Kommentaren!

Der Flaschenhals der Notfallversorgung: Warum die Reform bei der 116117 scheitern könnte

Entdecke mehr von Notfallsanitäter Brandenburg

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.