Der Rettungsdienst in Deutschland befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Mit der Einführung des Notfallsanitätergesetzes (NotSanG) hat sich das Berufsbild massiv professionalisiert. Doch während invasive Maßnahmen wie Intubation oder Medikamentengaben unter bestimmten Voraussetzungen bereits zum Alltag gehören, war eine diagnostische Disziplin lange Zeit primär den Notärzten vorbehalten: der Point-of-Care-Ultraschall (POCUS).
Eine aktuelle Studie, die im März 2026 im Scandinavian Journal of Trauma, Resuscitation and Emergency Medicine veröffentlicht wurde, befeuert nun eine Debatte, die in vielen Rettungsdienstbereichen von Flensburg bis Passau bereits leidenschaftlich geführt wird.
Die Debatte in Deutschland: Zwischen Skepsis und Innovation
In Deutschland wird das Thema POCUS durch nicht-ärztliches Personal aktuell in verschiedenen Gremien und Regionen diskutiert. Kritiker führen oft an, dass die Sonographie eine „ärztliche Kunst“ sei, die jahrelange Erfahrung erfordere, und warnen vor Fehlentscheidungen durch „falsch-positive“ Befunde.
Doch die Praxis zeigt ein anderes Bild:
- Pilotprojekte als Wegbereiter:
In Regionen wie Fulda (Hessen), Teilen von Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein gibt es bereits Vorreiter-Projekte. Hier werden Notfallsanitäter gezielt am Ultraschallgerät ausgebildet, um beispielsweise bei schweren Traumata oder unklarer Atemnot schneller lebensrettende Entscheidungen treffen zu können. - Technologischer Fortschritt:
Moderne Handheld-Geräte, die kaum größer als ein Smartphone sind, machen den Einsatz auf dem Rettungswagen (RTW) heute technisch so einfach wie nie zuvor.
Die Boehm-Studie (2026): Ein wissenschaftliches Ausrufezeichen
Die Untersuchung von Adrian Boehm und seinem Team liefert nun die notwendige empirische Basis für diese Diskussion. Über 24 Monate hinweg wurden 169 Untersuchungen analysiert, die von 21 zertifizierten Notfallsanitätern durchgeführt wurden.
Die Kernbotschaft: Präzision ist keine Frage des akademischen Grades
Die Studie räumt mit dem Vorurteil auf, dass Notfallsanitäter mit der Komplexität des Ultraschalls überfordert seien. Die Zahlen sind eindeutig:
- Diagnostische Sicherheit: Mit einer Gesamtsensitivität von 87,9 % und einer Spezifität von 92,7 % liegen die Ergebnisse auf einem Niveau, das viele Experten überrascht hat.
- Spezialdisziplin Lunge: Bei der Beurteilung der Lunge (z. B. Ausschluss eines Pneumothorax oder Erkennung eines Lungenödems) erreichten die Sanitäter eine Spezifität von 100 %. Das bedeutet: Wenn der Notfallsanitäter einen Befund sah, war dieser auch vorhanden.
- Trauma-Management (eFAST): Die 100%ige Sensitivität beim eFAST-Protokoll zeigt, dass freie Flüssigkeit im Bauchraum (ein Zeichen für schwere innere Blutungen) sicher erkannt wurde – eine lebenskritische Information für die Wahl der Zielklinik.
Strategischer Impact: Warum POCUS den Unterschied macht
Ultraschall ist weit mehr als nur Diagnostik; es ist ein Steuerungsinstrument. Die Studie belegt, dass die Bilder direkt die Taktik beeinflussten:
- Triage und Transport:
In über einem Drittel der Fälle (36,1 %) änderte sich die Dringlichkeit des Transports. Patienten konnten entweder schneller einer Intervention zugeführt oder – bei Ausschluss kritischer Befunde – ohne unnötigen Zeitdruck transportiert werden. - Ressourcenschonung im Krankenhaus:
Die Vermeidung von unnötigen Schockraum-Voranmeldungen (9,7 %) entlastet die oft überlaufenen Notaufnahmen massiv. Umgekehrt sorgt die gezielte Anmeldung in einem spezialisierten Zentrum (z. B. Herzkatheterlabor oder Thoraxchirurgie) dafür, dass der Patient sofort die richtige Hilfe erhält.
Ausbildung als Schlüssel zum Erfolg
Ein wesentlicher Aspekt der Studie war das multimodale Training. Die Sanitäter absolvierten nicht nur Theorieeinheiten, sondern auch intensives praktisches Training an Probanden und Simulationen. Dieser strukturierte Ansatz führte dazu, dass die subjektive Unsicherheit im Umgang mit dem Gerät signifikant sank.
Fazit: Das Ende der „Black Box“ Patient
Die Ergebnisse der Boehm-Studie und die Erfahrungen aus den deutschen Pilotprojekten zeigen: POCUS ist für Notfallsanitäter machbar, sicher und klinisch höchst relevant. Es ermöglicht den Blick in das Innere des Patienten, der bisher oft eine „Black Box“ war, und ersetzt das bloße Vermuten durch fundiertes Wissen.
Für die Zukunft des Rettungsdienstes in Deutschland bedeutet dies: Die Integration von POCUS in die Ausbildung und die Standardausrüstung von RTWs ist kein Luxus, sondern ein logischer Schritt zur weiteren Steigerung der Patientensicherheit.
Über die Studie
Titel: Feasibility and diagnostic accuracy of paramedic-performed prehospital point-of-care ultrasound: a retrospective observational study. Autoren: Boehm, A., Bexten, T., Stanley, M. et al. Erschienen in: Scandinavian Journal of Trauma, Resuscitation and Emergency Medicine, 2026. DOI: 10.1186/s13049-026-01595-4
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